Lesen: 100 Wörter über ein Buch

Mit Die Violinen von St.-Jacques (1953) beweist Patrick Leigh Fermor, dass es möglich ist, narrativ in Prosa der Dramaturgie einer Naturkatastrophe so nah wie möglich zu kommen. Dem Ich-Erzähler gesellt er eine sympathische Erzählerin hinzu, die im Alter zurückblickt auf das, was sie Jahrzehnte zuvor als Augenzeugin als Gouvernante auf der Insel St.-Jacques erlebt hat. Ihre Schilderung besticht durch die nächtliche Gleichzeitigkeit einer spannenden, pittoresken privaten Geschichte von Liebe und Leidenschaft junger Menschen im prachtvollen Karneval, den eine dekadente Kolonialgesellschaft feiert und dem Vulkanausbruch, der diese Welt zugrunde gehen lässt. Für Stil und Sprache genügt nicht einmal das Attribut brillant!

John Knowles‘ A Separate Peace (1959) könnte mal eine Pflichtlektüre im Englischunterricht gewesen sein. Gerade herangewachsene, junge Männer beobachten als Studierende in der Sonderwelt eines amerikanischen Colleges den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Beackert wird ein Feld großer Themen in teilweise hinreißenden Szenarien wie einer winterlichen Olympiade mit selbst gestifteten Preisen: Jugend und Erwachsenwerden, Gemeinschaft und Einsamkeit, Freundschaft und Hass, Anerkennung und Verachtung, Selbstbehauptung und Untergang, Leben und Tod. Der attraktive, spontane, sportliche, beliebte und auf eigene Art geniale Charakter Finny spiegelt sich in den Gedanken seines Freundes und Widerparts, Gene. Introvertiert, reflektiert und nicht nur voller Bewunderung für den Freund.

Elsa Morantes Roman Arturos Insel (1961) ist eine zauberhafte Schelmengeschichte, gleichzeitig ein schwermütiger Bildungsroman. Er erhält durch die Perspektivierung Intensität: Blick und Stimme gehören dem jungen Arturo, der in einem heruntergekommenen Palazzo auf der Insel Procida haust, durch Lektüre Weltwissen sammelnd, ohne seine Umgebung zu verstehen. Sein Vater, scheinbar Komplize, bleibt für ihn lange Held, dessen Abwesenheiten von Arturo genausowenig wie seine Launen durchschaut werden. Ebenso verhält es sich mit seiner Hochzeit mit der Stiefmutter, mit der Arturo fortan das Haus teilt. Ungereimtheiten und Unglücke nehmen ihren Lauf - gewiss ist, dass man sich um Arturo niemals Sorgen machen muss.

Der Garten über dem Meer von Mercè Rodoreda (1967) ist ein Roman voll von inhaltlicher Schwermut und erzählerischer Anmut. Die Geschichte wird dargeboten mit dem limitierten Blick eines alternden Gärtners, dessen Stimme mancher Exaltiertheit und manchem extremen Figurencharakter die zuweilen brutale Härte nimmt und diesen wohlwollend freundlich distanziert, aber aus der Nähe nachzeichnet. Weil mir das Nachwort von Roger Willemsen in der mir vorliegenden Ausgabe bestechend präzise und stilistisch einzigartig scheint, will ich zu dem Werk nichts Weiteres schreiben. Denn sicher könnte noch mehr, kann aber nicht besser über den zauberhaften, scheinbar filigranen Text und seine ästhetische Wirkkraft geschrieben werden.

Erzählt wird in Donna Tartts The Secret History (1992)vom Ende her: Im Prolog des Collegeromans berichtet der Protagonist seine Mittäterschaft am Tod eines namentlich genannten Opfers. Die Geschichte ist nur teilweise die Antwort auf die Frage, wer die Tat beging, sondern stellt das Wie dar. Nicht viel sollte über den Inhalt des Buches vorab mitgeteilt werden, denn die Erzählung ist spannend, spannend, spannend, dazu vielerorts aberwitzig - das Mordopfer beim Zusammenstellen einer wissenschaftlichen Hausarbeit, die Eltern des Opfers vor der Beerdigung ihres Kindes – und voller Zeichen und Perspektivierungen, so z.B. der Wechsel der Systematisierung der Collegebücherei von DDC zu LoC.

In David Gutersons Roman Östlich der Berge (1998) gelingt es einem krebskranken, verwitweten Arzt nicht, den geplanten Selbstmord auszuführen. Von der hierfür angetretenen Jagdreise kehrt er zurück. Die Erzählung ist im Großen wie im Kleinen inkonsistent, symbolisch überfrachtet und mangelhaft motiviert. Unlogisch ist beispielsweise, dass Ben auf seine Selbstmordreise seine Hunde mitnimmt. Der Zusammenhang zwischen der ärztlichen Behandlung eines illegalen Apfelpflückers nach einem Blick auf Steiners Philosophie der Freiheit, das ein Mädchen im Bus liest, ist durchsichtig. Sollte die durch Mariuhanagenuss eingeleitete, überdimensionierte Rückschau auf die Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg dazu dienen, derartiges zu verhindern, hätte sie wenigstens einen Sinn.

Zu Margaret Mazzantinis Niemand rettet sich allein (2011) gibt es eigentlich nichts zu sagen, da ein sich in der außerliterarischen Realität vieltausendfach sich wiederholender Ausschnitt aus dem Leben europäischer Paare etwa im Alter zwischen 25 und 35 Jahren mit einem oder mehreren kleinen Kindern erzählt wird - messerscharf beobachtet, präzise erfasst und hautnah wiedergegeben. Aber gerade durch Distanzlosigkeit und Alltäglichkeit wird die Geschichte des jungen Paars zum schmerzhaften Leseerlebnis. Es zeigt insbesondere, wie prekär Gefühle und individuelle Entwicklung sein können, in wie weite Entfernung Selbstwertgefühl, Würde und seelische Selbstheilungskräfte des Einzelnen und der Anspruch auf eine eigene Geschichte gerückt sind.

Dr. Simone Finkele

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